Bevor die Nationalsozialisten Gregor Haase in ein Konzentrationslager einwiesen, hatte der gebürtige Dresdner schon einige Jahre in Haft verbracht. Knapp zwei Jahre war er dann Häftling in verschiedenen Konzentrationslagern. Ob er die Befreiung in einem Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg überlebte, wissen wir nicht.

Gregor Haase wurde am 26. Juni 1893 in Dresden geboren und lebte mit seiner Frau Erna in Komotau, dem heutigen Chomutov in Tschechien. Der Elektrotechniker war 1940 wegen des Vorwurfs der Homosexualität und des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden.

Nachdem er seine dreijährige Strafe verbüßt hatte, wurde er jedoch nicht entlassen, sondern auf unbestimmte Zeit und ohne Urteil in sogenannte Schutzhaft genommen. Das bedeutete die Einweisung in ein Konzentrationslager. Auf diese Weise sollten Personen, welche die Nationalsozialisten als ihre Gegner oder als minderwertige Menschen betrachteten, aus der deutschen Gesellschaft ausgeschlossen werden. Die Kategorisierung der Häftlinge in den Lagern erfolgte nach dieser Ideologie.

 

Komotau heute (Copyright: SchiDD)

 

Als Gregor am 17. Juni 1943 in das Konzentrationslager Buchenwald überstellt wurde, strich man in seinen Dokumenten allerdings den „Homosexuellenparagraphen 175“ und registrierte ihn als Sexualstraftäter unter der Häftlingskategorie Berufsverbrecher mit der Häftlingsnummer 1385. Als sogenannte Berufsverbrecher wurden allgemein Häftlinge in den Konzentrationslagern geführt, die eine längere oder mehrere Vorstrafen verbüßt hatten. Dabei spielte die Art oder die Schwere der Straftat keine Rolle. Zur Kennzeichnung mussten sie einen grünen Winkel an der Häftlingskleidung tragen.

 

Eine Häftlingskolonne zieht nach der Arbeit wieder ins Lager ein. Die auf dem Carachoweg laufenden Häftlinge schleppen Steine auf ihren Schultern. Im Hintergrund ist die Hauptwache des Konzentrationslagers zu sehen. Der Schornstein links im Hintergrund gehört zum „SS-Unterführer-Bad“. (Copyright: Gedenkstätte Buchenwald)

 

Von Buchenwald nach Warschau

In Buchenwald blieb Gregor nur wenige Wochen. Im Juli 1943 gehörte er zu einem Transport von 300 Häftlingen, die in das KZ Warschau überstellt wurden. Nach der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto, standen vom ehemaligen Ghetto nur noch Ruinen. Nun errichteten die deutschen Besatzer dort ein KZ, um mit Häftlingen aus dem KZ Auschwitz den Schutt zu beseitigen und Verwertbares zu bergen. Die Häftlinge aus Buchenwald wurden nach Warschau gebracht, um der SS bei der Errichtung des Lagers zu helfen. Sie übernahmen zugleich als sogenannte Funktionshäftlinge eine Stellung zwischen der SS und den Häftlingen. 

Für solche Aufgaben wählte die SS bevorzugt deutsche Häftlinge der Haftkategorie Berufsverbrecher aus. Einerseits beherrschten diese die deutsche Sprache und hatten anderseits den Ruf als „Kriminelle“, das Terrorregime der SS gegenüber ihren Mithäftlingen brutal durchzusetzen. Eine tatsächliche Wahl hatten aber auch sie nicht, jedoch verfügten diese Häftlinge über einen gewissen Handlungsspielraum: Sie hatten nicht nur Privilegien und standen an der Spitze der Lagergesellschaft, sondern erhielten im Konzentrationslager Warschau beinahe uneingeschränkte Macht über ihre Mithäftlinge. Wie sie diese nutzten oder missbrauchten, lag durchaus in ihrer Hand. Welche Rolle Gregor dabei einnahm, ist nicht überliefert.

Das KZ Warschau existierte nur etwa ein Jahr lang, weil Ende Juli 1944 die Rote Armee bereits auf der anderen Seite der Weichsel stand und die SS sich zur Räumung entschloss. Etwa 4.000 Häftlinge wurden auf einen Fußmarsch in Richtung Westen geschickt und ab Kutno in Güterwaggons weitertransportiert. 

Dokumente zu Gregor Haase

Die Nationalsozialisten schickten Gregor von Konzentrationslager zu Konzentrationslager. Über Buchenwald nach Warschau, von dort nach Dachau und danach ins Außenlager Rabstein des KZ Flossenbürg. Diese beiden Dokumente aus unserem Archiv belegen die Inhaftierungen in den Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau.

 

Schwerstarbeit für ein unterirdisches Flugzeugwerk

Gregor und die anderen Überlebenden des Transports erreichten am 6. August das KZ Dachau. Hier wurde Gregor Haase unter der Häftlingsnummer 90835 registriert, diesmal aber als Homosexueller. Welche konkreten Gründe hinter dieser Kategorisierung oder der vorherigen in Buchenwald steckten, können wir heute nicht mehr rekonstruieren. Fest steht, dass eine Registrierung als Homosexueller für den Betroffenen eine deutlich schlechtere Stellung innerhalb der Häftlingsgesellschaft bedeutete. Hierbei spielte auch Stigmatisierung eine Rolle, die bis heute die Sicht auf bestimmte Verfolgtengruppen prägt.

Ende August transportierte die SS Gregor Haase schließlich in das Außenlager Rabstein des Konzentrationslagers Flossenbürg. Hier wurden die Häftlinge zur Zwangsarbeit eingesetzt, um noch in den letzten Kriegsmonaten ein unterirdisches Flugzeugwerk zu bauen. Ob er unter den Häftlingen war, die die SS nach dem Kriegsende am 8. Mai 1945 einfach in einer Scheune zurückließ, ist unklar. Bis in seinen Heimatort Komotau wären es von dort etwas mehr 85 Kilometer Fußmarsch gewesen.

 

Perspektive der Täter

Wir wissen wenig über Gregor Haase und das, was wir aus den Dokumenten der SS und NS-Justiz erfahren, gibt zunächst vor allem die Perspektive der Täter wider. Die Geschichte von Gregor ist keine einfache oder eindeutige. Es fehlen die Hintergründe zu seiner Verurteilung ebenso wie Informationen zu seiner Tätigkeit im KZ Warschau. Unzweifelhaft bleibt aber, dass seine Inhaftierung ohne Urteil und die Verschleppung in verschiedene Konzentrationslager Unrecht an seiner Person waren.

Mit der Medieninstallation wollen wir auch auf solche Schicksale aufmerksam machen, um über die Menschen, die hinter Kategorien wie „Berufsverbrecher“, „Kriminelle“ oder „Asoziale“ stecken, mehr zu erfahren. 

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