Den Nationalsozialisten war die Familie Pappenheim aus Schmalkalden ein Dorn im Auge: Der Vater, Ludwig Pappenheim, war überzeugter Sozialdemokrat und eines der ersten Opfer der NS-Diktatur. Auch sein Sohn Günter passte mit seinen Überzeugungen nicht zum Konzept der „nationalsozialistischen Volksgemeinschaft“. Als Überlebender des Konzentrationslagers Buchenwald war Günter Pappenheim bis zu seinem Tod 2021 nicht nur politisch aktiv, sondern kämpfte sein Leben lang gegen das Vergessen.

Günter Pappenheim wurde am 3. August 1925 in Schmalkalden geboren. Sein Vater Ludwig war ein aktiver und engagierter Sozialdemokrat und Herausgeber der Tageszeitung Volksstimme. Auch seine Mutter Frieda war Mitglied der SPD. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland die Regierung übernahmen, verhafteten sie Ludwig Pappenheim. Als politischer Gegner gehörte Günters Vater zu den ersten Opfern der Nationalsozialisten und kam ins Konzentrationslager Breitenau. In Neusustrum, einem der sogenannten Emslandlager, ermordeten ihn die Nationalsozialisten 1934.

Frieda musste von nun an ihre vier Kinder alleine ernähren, mit großen Schwierigkeiten, denn die Nazis verweigerten ihr die Witwenrente. Außerdem galten Günter und seine Geschwister als „Mischlinge 1. Grades“, denn Vater Ludwig entstammte einer jüdischen Kaufmannsfamilie. Der politischen Einstellung ihres Vaters blieben sie trotz allem treu: Sie verweigerten den Hitlergruß und traten nicht in die Hitlerjugend ein.

Günter begann nach der Schulzeit bei einer Schmalkaldener Werkzeugfabrik eine Schlosserlehre. Hier lernte er Zwangsarbeiter aus Frankreich kennen und freundete sich mit ihnen an. Am 14. Juli 1943, dem französischen Nationalfeiertag, spielte der 17-Jährige für seine Freunde die Marseillaise auf dem Akkordeon. Daraufhin denunzierten ihn deutsche Kollegen bei der Geheimen Staatspolizei. Er wurde umgehend verhaftet und ins Gefängnis nach Suhl gebracht. Dort wurde er misshandelt und wenig später in das Arbeitslager Gleichberg überstellt.

Am 15. Oktober 1943 wurde er aufgrund „staatsfeindlicher Einstellung“ schließlich ins Konzentrationslager Buchenwald eingewiesen, wo er fortan als „politischer Häftling“ und „Mischling ersten Grades“ registriert war. Vermerkt wurde auch, dass er „Dikal“-Häftling war, was bedeutete, dass er in kein anderes Lager überstellt durfte. Er musste in der an das Lager angeschlossenen Waffenfabrik der Gustloff- Werke und später als Strumpfstopfer Zwangsarbeit leisten.

Politisch aktiv – ein Leben lang

Günter erlebte die Befreiung des Konzentrationslagers durch US-amerikanische Truppen am 11. April 1945. Er gehörte auch zu jenen befreiten Häftlingen, die am 19. April 1945 mit dem Schwur von Buchenwald ihrer toten Kameraden gedachten und gelobten, für die Verurteilung der Täter und eine friedliche Zukunft zu kämpfen. Nach einem kurzen Aufenthalt im Krankenhaus, erhielt er seine persönlichen Gegenstände am 30. April zurück und machte sich auf den Weg zurück nach Schmalkalden. Dort war er sofort wieder politisch aktiv und ab 1946 Mitglied der SED. In der DDR machte er eine steile Politkarriere.

In der Medieninstallation gedenken wir der Opfer des Nazi-Regimes und projizieren ihre Namen in die Öffentlichkeit. Damit erinnern wir an die Menschen und Geschichten hinter den Namen.

Im April 2001 übernahm Günter Pappenheim die Aufgabe des ersten Vizepräsidenten des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos und wurde 2005 Vorsitzender der Lagergemeinschaft Buchenwald-Dora e.V. Außerdem war er Mitglied des Bundesausschusses der Verfolgten des NS-Regimes und des Ehrenpräsidiums der Fédération Internationale des Résistants.       

Zum Internationalen Holocaustgedenktag im Januar 2021 erlebte Günter Pappenheim, wie auch sein Name unter vielen anderen an der französischen Botschaft am Brandenburger Tor zu lesen war. Dazu sagte er:

»Mit großer Freude und Genugtuung habe ich von der Lichtprojektion #everynamecounts auf die Fassade der französischen Botschaft in Berlin erfahren, bei der auch mein Name projiziert wurde. Die künstlerische Leistung erstaunt und beeindruckt mich stark. Ich danke allen, die diese großartige Idee verwirklichten.«

Günter Pappenheim, Bildquelle: Stadt Weimar

Günter Pappenheim starb am 31. März 2021 im Alter von 95 Jahren. Kurz vor seinem Tod ernannte ihn die Stadt Weimar zum Ehrenbürger für sein Lebenswerk. Sein Akkordeon wird in der Sammlung der Gedenkstätte Buchenwald aufbewahrt.

https://www.buchenwald.de/1631/

https://liberation.buchenwald.de/was-bleibt/guenter-pappenheim

 

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