Die Minderheit der Sinti*zze und Rom*nja wird in Europa seit Jahrhunderten ausgegrenzt und diskriminiert. Ab 1933 verfolgten und ermordeten die Nationalsozialisten sie als „Zigeuner“ und „Asoziale“. Sie erkannten den Menschen aus rassistischen Motiven das Recht auf Leben ab. Die als junge Romnja verfolgte Maria Horváth überlebte die KZ-Haft und blieb ihr Leben lang gezeichnet.

Maria Horváth wurde am 13. August 1930 in Ondód, heute Torony, Ungarn geboren. Dort wuchs sie in der Siedlung Dense auf, getrennt von der ungarischen Mehrheitsbevölkerung. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Ungarn im März 1944 und der Machtübernahme der faschistischen Partei „Pfeilkreuzler“ verschärfte sich die antiziganistische Politik. Im August 1944 wurden die Männer der Roma-Gemeinschaft zur Zwangsarbeit verschleppt. Ob auch Marias Vater darunter war, ist nicht bekannt.

Anfang November 1944 nahmen lokale Gendarme Maria, ihre Familie und Nachbarn in ihrem Heimatdorf unweit der ungarisch-österreichischen Grenze fest. Der Grund: Zugehörigkeit zur Roma-Minderheit. Zunächst wurden sie in die Kreisstadt Szombathely gebracht und von dort in das Sammellager im Fort Csillag in Komárom transportiert. Hier trieben die ungarischen Behörden mehrere tausend Menschen zusammen, Hunderte starben unter den schrecklichen Bedingungen.

 

Hier zu sehen: Fort Csillag in Komárom.

 

Bereits seit Februar 1943 wurden Sinti- und Roma-Minderheiten aus dem Deutschen Reich und den besetzten Gebieten in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurden sie in einem als „Zigeunerfamilienlager“ bezeichneten Lagerbereich untergebracht. Im August 1944 löste die SS dieses Lager auf und ermordete über 20.000 Sinti*zze und Rom*nja in den Gaskammern.

Porajmos ist der Romane-Begriff für den Völkermord an den europäischen Sinti*zze und Rom*nja in der Zeit des Nationalsozialismus. Die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt.

Medizinischen Experimenten ausgeliefert

Maria wurde zusammen mit anderen Frauen aus Ondod per Zug in das KZ Dachau deportiert. Bereits die Fahrt war eine Tortur: vier Tage auf engstem Raum, ohne Wasser. Nach wenigen Wochen im KZ Dachau transportierte die SS die Gruppe um Maria weiter in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. SS-Ärzte führten hier medizinische Experimente an den Frauen durch, auch an der 14-Jährigen. Im Winter 1944/45 wurden zudem Zwangssterilisationen durch Injektionen an Jüdinnen und Romnja durchgeführt.

 

Der Häftlingspersonalbogen von Maria Horváth aus dem Konzentrationslager Dachau.

 

Die Zwangssterilisation hatte zum Ziel, den Minderheiten als solchen die Möglichkeit zu nehmen, Nachkommen zu haben. Bereits mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom Juli 1933 schuf der NS-Staat die rechtliche Grundlage, Menschen unfruchtbar zu machen. Sinti- und Roma-Minderheiten wurden wegen mangelnden Schulbildung, fehlender Berufsausbildung oder Festanstellung und ihrer sogenannten „zigeunerischer Lebensweise“ als „asozial“ oder „schwachsinnig“ eingestuft. Vermutlich musste auch Maria diese äußerst schmerzhafte Behandlung erdulden. Im KZ Ravensbrück wurden zwischen 500 und 700 Sterilisationen ohne Betäubung oder Schmerzmittel durchgeführt.

Mit dem „Auschwitz-Erlass“ vom Dezember 1942 ordnete Heinrich Himmler nicht nur die Einweisung von Sinti*zze und Rom*nja in das „Zigeunerfamilienlager Auschwitz-Birkenau“ an, sondern auch, dass bei allen Nichtdeportierten die Sterilisation anzustreben sei. Damit wurde die Zustimmung zur eigenen Sterilisation erpresst, um der Deportation zu entgehen.

Zeit ihres Lebens gezeichnet

Maria blieb keine zwei Monate in Ravensbrück. Gemeinsam mit einigen der Frauen aus Ondod schickte die SS sie am 19. Januar 1945 weiter nach Zwodau, einem Außenlager des KZ Flossenbürg. Dort setzte man die Frauen zur Zwangsarbeit für das Unternehmen Siemens ein und ließ sie Spulen, Schalter und Messgeräte bauen. Am 20. April wurde das KZ aufgrund der näher rückenden amerikanischen Truppen geräumt und die Frauen auf einen sinnlosen und zermürbenden Fußmarsch geschickt. Nach drei Tagen folgte die Rückkehr ins Lager. Am 7. Mai 1945 befreiten US-Truppen die Überlebenden.

In der Medieninstallation gedenken wir der Opfer des Nazi-Regimes und projizieren ihre Namen in die Öffentlichkeit, wie hier die Schreibstubenkarte aus dem KZ Ravensbrück über Maria Horváth. Damit erinnern wir an die Menschen und Geschichten hinter den Namen. 

Maria ging nach der Befreiung in ihr Heimatdorf. Von den 40 Frauen, die im November 1944 deportiert worden waren, kehrten nur zehn zurück. In den 1960er Jahren kämpfte sie für eine Entschädigung für die Folgeschäden der medizinischen Versuche, die sie als junges Mädchen erleiden musste. 

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